2

Das Neue ist das "Durchgehen"

Transgender-Frauen und -Männer sind schon immer da gewesen. Sie werden unterdrückt. Doch sind sie nicht nur die Produkte der Unterdrückungen. Es ist das "Durchgehen", das historich betrachtet neu ist. "Durchgehen" heißt sich verstecken.

Durchgehen heißt Unsichtbarkeit. Transgender-Menschen sollten leben und ihr Selbstverständis ausdrücken können, ohne Kritik oder Gewaltandrohungen. Das ist heute nicht der Fall.

Es gibt unzählige Frauen und Männer, deren Selbstdarstellung nach den Hollywood-Maßstäben gemessen ihrem Geschlecht "widerspricht". Manche werden wegen der Unterdrückung und Ausgrenzung, die sie erdulden müssen, in den Untergrund oder zum "Durchgehen" gezungen.

Wenn heutzutage in Schulen über Geschlechterrollen erzählt wird, so wird gesagt, daß Frauen "feminin" und Männer "masculin" seien, und daß der reißende Strom zwischen diesen beiden Ufern nicht zu überqueren sei. In Wirklichkeit aber gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Selbstdarstellung für Frauen und Männer.

Transgender ist eine uralte Form der menschlichen Selbstdarstellung, die schon vor der Unterdrückung da war. Transgender wurde als ehrenvoll betrachtet. Ein Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, daß in Zeiten als Gesellschaften nicht durch ausbeutenden Klassen mit ihren Teile-und-herrsche-Strategien beherrscht wurden, Transgender- Jugendliche, -Frauen und -Männer auf allen Kontinenten angesehene Mitglieder ihrer Gesellschaften waren.

"Sie ist ein Mann"

"Merkwürdiges Land" schrieb ein weißer Mann 1850 über dieNation der Crow-IndianerInnen auf dem amerikanischen Kontinent, "wo die Männer die Kleidung der Frauen anziehen und deren Aufgaben übernehmen, während die Frauen sich als Männer ausgeben und mit ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen schlafen".

Randy Burns, einer der GründerInnen der modernen IndianerInnengruppe "Gay American Indians" (GAI) berichtet, daß die GAI solche alternativen Rollen für Männer und Frauen in über 135 verschiedenen Nationen der nordamerikanischen UreinwohnerInnen dokumentiert hat.

Die Häufigkeit der Transgender-Frauen und -Männer in den Gesellschaften der UreinwohnerInnen wurde auch von den Kolonialisten gemerkt, die sie als "berdache" bezeichneten. Vielleicht die bekannteste aller indianischen berdache-Frauen war eine Führerin der Crow namens Barcheeampe, die die berühmteste Kriegerin in der Geschichte der Nationen der oberen Missouri-Region war. Sie hatte mehrere Ehefrauen und ihre Tapferkeit als Jägerin und Kriegerin wurden in vielen Liedern geehrt. Als der Nationalrat der Crow tagte, nahm sie ihren Platz als dritthöchste in der Rangordnung der 160 Stammeshäuptlinge ein.

Heute wird Transgender als "asoziales" Verhalten betrachtet. Doch unter den Nationen der Klamath gab es besondere Initiationsriten für Transgender-Frauen.

Unter den Coopa, so Edward Gifford, "wurden weibliche Transvestiten "war'hameh" genannt, ihre Haare und Nasen- Piercings waren nach der männlichen Art, sie heirateten Frauen und kämpften in der Schlacht neben den Männern". Wewha, eine berühmte berdache der Zuni-Nation, wurde 1849 als Mann geboren und lebte bis 1896. Sie war einer der größten und kräftigsten Menschen der Zuni. Wenn sie darüber gefragt wurden, erzählten ihre Leute einfach "Sie ist ein Mann". Wewha wurde von den Zuni nach Washington DC geschickt, wo sie sich sechs Monate lang aufhielt. Dort traf sie den Präsidenten Grover Cleveland und andere Politiker, die nicht bemerkten, daß sie eine berdache war.

Osh-Tische (wörtlich:"Wer-findet-und-tötet") war eine berdache oder badé der Crow, die auch als Mann geboren wurde und in der Schlacht der Rosenknospe (Battle of the Rosebud) kämpfte. Als ein Agent der Kolonialisten versuchte, Osh-Tische dazu zu zwingen, Männerkleidung zu tragen, hielten die anderen UreinwohnerInnen dem entgegen, das sei gegen die Natur der berdache und vertrieben den Agenten aus ihrem Gebiet. Sie sagten, es wäre eine Tragödie zu versuchen, die badé in ihrem Wesen zu verändern.

Ein Jesuit bemerkte 1670 über die berdache:"Sie werden zu jeder Ratssitzung gebeten, und nichts darf ohne ihren Zuspruch beschlossen werden". Doch die Missionare und das kolonialistische Miltär reagiertenmit mörderischer Feindseligkeit auf die berdache der UreinwohnerInnen auf diesem Kontinent. Viele berdache wurden von den christlichen Eroberern zu Tode gefoltert und verbrannt. Andere Kolonialheere schickten wilde Hunde gegen die berdache.

Warum solche Feindseligkeit?

Warum waren die europäischen Kolonialisten den Transgender- Frauen und -Männern so feindlich gesinnt? Die Antwort kann auf dem europäischen Kontinent in den Kämpfen zwischen den sich entwickelnden Klassen der Besitzenden und Besitzlosen gefunden werden.

Die alten Gesellschaften auf dem europäischen Kontinent waren kommunal ausgerichtet. Tausende von Artefakten - manche davon aus dem Jahr 25.000 vor Christus - sind ausgegraben worden und deuten darauf, daß diese Gesellschaften eher Göttinnen als Götter ehrten. Manche dieser Gottheiten waren transgendered, so wie viele ihrer Schamanen oder PriesterInnen.

Uns wird beigebracht, daß es schon immer so war, wie es jetzt ist - die "Fred Feuerstein"-Schule der menschlichen Entwicklung. Die eindeutige Aussage dabei ist: Versuch nicht, die Menschen zu verändern. Doch ein Blick auf die Geschichte zeigt, daß die menschliche Gesellschaft einen kontinuierlichen Prozeß der Entwicklung und Veränderung durchmacht. Seit über 150 Jahren wird über die Rolle der Frauen in den alten Gesellschaften der Menschheit diskutiert. Auch wenn manche vorurteilsbeladenen PolitikerInnen meinen, die patriarchale Kleinfamilie existiert schon immer, die Wahrheit sieht anders aus.

Die AnthropologInnen des 20. Jahrhunderts haben die Tatsache anerkannt, daß kommunale, nach dem Mutterrecht organisierte Gesellschaften in einem frühen Stadium der sozialen Entwicklung überall in der Welt existierten. Frauen waren die Oberhäupter von "gens" oder Clans, die wenig Ähnlichkeit mit den heutigen "Familien" besassen.

Aber viele sind der Meinung, daß das Mutterrecht mit der Unterwerfung der Frauen gleichzeitig existieren konnte, und daß es keine bestätigten Beweise dafür gibt, daß Frauen in irgendeiner Kultur in der Geschichte durchgängig die Führungspositionen innehatten. Diese Argumentation ignoriert das Verhältnis zwischen männlicher Herrschaft und Privateigentum, und suggeriert, daß die Unterdrückung der Frauen lediglich Ergebnis einer vermeintlichen "menschlichen Natur" sei.

Diese ideologische Argumentation ist genausosehr eine Waffe im Klassenkampf wie Gefängnisse es sind.

In ihrem Buch "Patriarchal Precedents" (Prezedenzfälle des Patriarchats) gibt die Schriftstellerin Rosalind Coward einen wertvollen Überblick über diese Debatte. Sie zeigt auf, daß die meisten europäischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts, diepatriarchale Klein- bzw. Kernfamilie als universal betrachteten. Aber gegen Ende des Jahrhunderts begannen europäische Kolonialisten, die die Völker Südindiens und Südwestasiens studiert hatten, dieser Ansicht zu widersprechen.

1861 veröffentlichte Johann Bachofen sein berühmtes Buch Das Mutterrecht, eine wissenschaftliche Abhandlung über die Familie als sich entwickelnde soziale Einrichtung. Sein Werk wurde als grundlegender Beitrag zur modernen Anthropologie betrachtet.

Lewis Henry Morgan, der große Ethnologe und einer der GründerInnen der Anthropologie schrieb 1877 sein bedeutendes Werk Ancient Society - eine ausführliche Studie kommunaler Gesellschaften mit Verwandtschaftssystemen, die auf Frauen basierten. Er studierte die nordamerikanischen Haudenosaunee (Völkerbündnis der Irokesen), sowie viele der UreinwohnerInnenvölker Indiens und Australiens. Seine Forschung über die soziale Evolution bestätigte die Annahme, daß die partriachale Form der Familie nicht die älteste Form der menschlichen Gesellschaft darstellte.

Diese Studien von Bachofen und vor allem Morgan wurden zur Grundlage für den großen Klassiker von Friedrich Engels aus dem Jahre 1884, den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Engels vertrat die Position, daß die frühen Gesellschaften auf gemeinschaftlicher Arbeit und gemeinschaftlichem Eigentum aufgebaut waren. Zusammenarbeit war notwendig für das Überleben der Gruppe.

Engels, der zusammen mit Karl Marx die Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus entwickelte, fand bei diesen alten Gesellschaften keine Beweise für die Existenz von einem staatlichen Repressionsapparat, großangelegter Kriegführung, Sklaverei oder von Kernfamilien. Engels und Marx sahen in Morgans Studien einen weiteren Beweis dafür, daß die moderne Unterdrückung der Frauen ihren Ursprung in der Aufspaltung der Gesellschaft in auf dem Privatbesitz von Eigentum basierenden Klassen. Die Tatsache, daß Unterdrückung kein Merkmal der früheren kommunalen Gesellschaften war, verlieh Gewicht ihrer Vorhersage, daß die Abschaffung des Privatbesitzes zugunsten vergesellschafteten Eigentumsformen die Grundlage für eine Revolutionierung zwischenmenschlicher Beziehungen bilden würde.

Forschung in diesem Jahrhundert, vor allem durch Frauen, hat weitere Beweise gegen die Ansicht hervorgebracht, daß Frauen schon immer als "minderwertig" betrachtet wurden. Die ausführliche Forschungsarbeiten von Marija Gimbutas und Gerda Lerner haben gezeigt, daß es vor 4500 v.Chr. eher Göttinnen statt Götter waren, die überall in Europa und Westasien angebetet wurden.

Wie Jacqetta Hawkes in ihrer History of Mankind (Geschichte der Menschheit) schlußfolgerte: "Es gibt jeden Grund anzunehmen, daß das Mutterrecht und das Clansystem unter den Lebensbedingungen der primären Neusteinzeit noch vorherrschend waren, und daß Landbesitz im Allgemeinen durch die weiblicheBlutlinie weitervererbt wurde. Es wäre von daher verführerisch, zu der Überzeugung zu gelangen, daß die frühsten neusteinzeitlichen Gesellschaften durch ihre ganze zeitliche und räumliche Ausbreitung der Frau den höchsten Status beigemessen haben, die sie seitdem jemals gekannt hat". (Interessant auch zu bemerken, daß diese fortschrittliche Forscherin sich im Jahre 1963 immer noch genötigt fühlte, den englischen Begriff "mankind" für Menschheit zu verwenden.

Der Anfang der Diskriminierung

Im Zeitraum zwischen 4500 und 1200 v.Chr. wurde in den fruchtbaren Tälern der großen Flüsse Eurasiens und Nordostafrikas die menschliche Arbeit allmählich produktiver, und der Überfluß wurde als Reichtum angehäuft. Die alten kommunalen Systeme wurden unbewußt und langsam verändert. Es fand eine enorme gesellschaftliche Veränderung statt. Der Wunsch, Reichtum an männliche Erben weiterzugeben erforderte die Monogamie seitens der Ehefrauen; die patriarchale Familie wurde zur neuen gesellschaftlichen Wirtschaftseinheit. Doch der Respekt, den alte kommunale Gesellschaften vor Transgender-Frauen und Männern und vor der gleichgeschlechtlichen Liebe hatten, dauerte nach den dramatischen Veränderungen dieser Gesellschaften noch lange an.

Eine ägyptische Skulptur aus dem Jahr 1485 v.Chr. zum Beispiel, die die Königin Hat-sheput mit Bart in den Gewändern eines Pharaos darstellt, zeigt die Langlebigkeit in den überlieferten Traditionen der Figur der bärtigen Frau als heiliges Macht- und Wissenssymbol.

Eine Verbindung zwischen Transvestismus und religiösen

Praktiken ist auch in den alten Mythen um die griechischen GöttInnen und HeldInnen zu finden. Der Mythos von Achilles erzählt, wie er am königlichen Hof von Lykomedes in Skyros sich als Frau kleidete, und als Frau lebte, bevor er zum Krieger ausgebildet wurde.

"Makrobius berichtet, daß die männlichen Priester zu Ehren der Bärtigen Aphrodite von Zypern sich als Frauen kleideten; auf der gleichen Insel war der Kult um Ariadne (ursprünglich ein Fruchtbarkeitskult) dadurch gekennzeichnet, daß in einer Zeremonie ein Junge als Frau gekleidet wurde, der dann alle Symptome der Geburtswehen einer Gebärenden nachmachen sollte." (aus: Dressing Up)

Herodotus bemerkte, daß die skythischen religiösen Schamanen wie Frauen sprachen und sich auch dementsprechend kleideten, und dafür hoch verehrt wurden. Die Priester der Artemis von Ephesus trugen den Berichten zufolge "die Kleidung der Frauen".. (aus: Dressing Up)

"Männer mußten sich als Frauen kleiden, bevor sie an den Riten des Herkules in Rom teilnehmen durften (Herkules selbst verbrachte drei Jahren als Frau gekleidet am Hof der Omphale,Königin von Lydien).....Auf dem Fest der WinzerInnen, dem athenischen Oschophoria, trugen zwei als Frauen gekleidete Jünglinge einen Rebstock in einem feierlichen Umzug. Beim Fest der Hera von Samos trugen die Männer lange weiße Gewänder und sowie goldene Netze um ihr Haar". (aus: Dressing Up) Um das neue Wirstschaftssystem zu "rechtfertigen" und den Widerstand der Menschen zu brechen, die kommunal gelebt und gearbeitet hatten, wurde der gesellschaftliche Status der Frauen systematisch abgebaut, und ein Angriff auf die Transgender-Bevölkerung gestartet.

Ein frühes Transgenderverbot wurde im mosaischen Gesetz der HebräerInnen, einer der ersten patriarchalen Gesellschaften, festgehalten: "Weder soll die Frau das tragen, was dem Manne gehört, noch soll ein Mann die Kleidung einer Frau anziehen; denn alle, die so tun, sind eine Abscheulichkeit vor dem Herr deinem Gott". (Deuteronomium, 22:5)

Der Aufstieg der griechischen Stadtstaaten in der Zeit vom 8. bis zum 6. Jahrhundert v.Chr ist ein weiteres Beispiel der Unterwerfung der Frauen. Die neue patriarchale Wirtschaftsordnung konnte nicht gleichzeitig mit dem Mutterrecht existieren. Doch in vielen Gebieten gediehen Transgender, gleichgeschlechtliche Liebe und viele der alten religiösen Bräuche weiterhin, da sie noch keine Bedrohung für die neue Herrschaftsordnung darstellten.

Die Sklavenbesitzer entwickelten eine frauenfeindliche Ideologie, um ihren Angriff auf die gesellschaftliche Gleichheit der Frauen zu rechtfertigen. Viele der alten griechischen Mythen sowie die häufigen Darstellungen von Schlachten gegen Amazonen-Kriegerinnen symbolisierten den Umsturz der mutterrechtlichen kommunalen Gesellschaften sowie ihre Ersetzung durch patriachale Sklavenhaltergesellschaften.

Patriarchale Götter wei die griechische Gottheit Dionysos nahmen die Stellung der Göttinnen der Zeit vor den Klassengesellschaften ein. Dionysos war einer der griechischen Götter, die die Göttinnenanbetung ersetzte. Doch griechische MalerInnen und AutorInnen stellten Dionysos als weiblich bzw als Frau angezogen dar. Der Transvestismus zeigte sich auch weiterhin in den Riten des Dionysos, die selbst nachdem das Christentum zur Staatsreligion der herrschenden Elite wurde, noch andauerten.

Diese Haltung Frauen gegenüber erklärt auch zum Teil die wachsende Feindseligkeit der herrschenden Klassen den Transgender-Männern gegenüber. Doch ein anderer Aspekt der Kampagne gegen "effeminierten" Männer, und gegen Dionysos insbesondere, lag eventuell in der Schaffung einer Rambo- Mentalität, vergleichbar dem extremen Appell an "Männlichkeit" der Kriegsmaschinerie der Nazis oder des heutigen Pentagon. Dies waren militaristische Gesellschaften, die auf Expansion um jeden Preis ausgerichtet waren. Im Gegensatz zum Kriegsgott Ares war Dionysos ein "make love not war"-Gott, der Soldaten ermunterte, von ihren Posten in der Schlacht zu desertieren. Der christliche Autor Clemens von Alexandria schrieb im 3.Jahrhundert ein Werk namens Exhortatio, das die griechischen Heiden dazu aufforderte, den Irrtum ihres Glaubens anzuerkennen: "Wenn man euere Bilder und Statuen untersucht, so sind euere Götter von ihren schamlosen Darstellungen, Dionysos von seiner Kleidung, leicht zu identifizieren".

Die Beharrlichkeit des Transgenders

Obwohl die Haltung der Herrschenden den Selbstdarstellungsformen der Transgender-Bevölkerung gegenüber sich veränderte und zunehmend repressiver wurde, war der alte Respekt vor dem Transgender schwer auszulöschen, und Transgender-Frauen und -Männer waren weiterhin in allen Klassen der Gesellschaft vorhanden.

"Unter den römischen Kaisern war Berichten zufolge das Tragen von Frauenkleidung sehr beliebt, und insbesondere Kaligula, so der Autor Suetonius, zog sich oft als Frau an". (Dressing Up). Doch die Unterdrückung der herrschenden Klasse verlangte einen zunehmenden Konformismus - sogar unter der Elite. "Das berühmteste Beispiel ist das des Elagabalus..." schrieb Arthur Evans, "er wurde im Jahre 218 n.Chr. Kaiser von Rom. Als Kaiser ist er oft öffentlich in Fummel aufgetreten, praktizierte rituellen Sex mit PartnerInnen beider Geschlechter, und erklärte öffentlich einen seiner Liebhaber zu seinem Ehemann, was die herrschenden Klassen zutiefst empörte. 222 n.Chr fiel er einem Attentat, der von der erzürnten Prätorianischen Wache verübt wurde, zum Opfer. Seine Leiche wurde verstümmelt, durch die Straße von Rom geschleppt und schließlich in den Fluß-Tiber geworfen". (Witchcraft and the Gay Counterculture)

Im vierten Jahrhundert nach Christus verurteilte der Bischof von Amasia in Kappadozien den Neujahrsbrauch der einheimischen Männer, sich "in langen Gewändern, Korsetten, Pantoffeln und riesigen Perrücken zu kleiden". Der Bischof Isidore von Sevilla (560-636 n.Chr) schimpfte gegen die Neujahrstänzer, "die ihre männlichen Gesichter verweiblichten, und weibliche Gesten ausführten".

Die Anbetung eines als Frau angezogenen Gottes brachte die christliche Hierarchie so in Rage, daß der Rat von Konstantinopel (691 n.Chr) folgenden Erlaß veröffentlichte: "Wir verbieten die Tänze und Initiationsriten der "Götter", wie sie unter den Griechen fälschlicherweise genannt werden, da sie - ob von Frauen oder Männern - nach einem alten Brauch ausgeführt werden, der gegen die christliche Lebensführung verstößt, und wir befehlen, daß kein Mann die Kleidung einer Frau anziehen sollte, noch sollte eine Frau die Kleidung eines Mannes anziehen....." (The God of Ecstasy).

Das Natürliche wird "unnatürlich"

Vor der Aufteilung der Gesellschaft in Klassen verbanden die alten Religionen gemeinsam geglaubte Ansichten mit materiellen Beobachtungen über die Natur. Das Christentum alsMassenreligion hatte seinen eigentlichen Ursprung unter den Armen der Städte des römischen Reiches, und nahm auch Elemente des Kollktivismus und einen Hass gegen eine reiche herrschende Elite mit in sich auf. Doch über mehrere hundert Jahren verwandelte sich das Christentum von einer revolutionären Bewegung der städtischen Armen in eine mächtige Staatsreligion, die den Interessen der Reichen diente.

Transgender in all seinen Ausprägungen wurde zum Feindbild. In Wirklichkeit war es der Aufstieg des Privateigentums, der männlich dominierten Familie und der Klassenspaltungen, der zu einer Einengung dessen führte, was als akzeptable Selbstdarstellung betrachtet wurde. Was ehemals natürlich gewesen war, wurde zu seinem Gegenteil erklärt.

Der Zerfall des römischen auf der Sklaverei basierenden Produktionssystems führte zu seiner allmählichen Ersetzung durch den Feudalismus. ArbeiterInnen, die ehemals in Ketten gearbeitet hatten, waren fortan an das Land ihrer Gutsherren gekettet.

Das Christentum war eine städtische Religion. Doch die herrschenden Klassen waren noch nicht in der Lage, ihr neues Wirtschaftssystem und die Religion, die es rechtfertigen sollte, der Bauernschaft aufzuzwingen. In dem aufkommenden gewalttätigen Klassenkrieg wurde das lateinische Wort "paganus" - Landbewohner oder Bauer - symbolisch gleichbeudetend mit "Heiden" oder "Ketzer" (englisch: "pagan").

Selbst nach dem Aufstieg des Feudalismus gab es noch Überreste der alten heidnischen Religion, die Sex - lesbisch, schwul, bi- und heterosexuell- lustvoll befürwortete. Viele Frauen waren unter ihren AnhängerInnen. Viele Schamanen waren immer noch Transvestiten. Und der der Transvestismus bildete immer noch Teil fast aller ländlichen Feste und Rituale.

Im mittelalterlichen Narrenfest kleideten sich sowohl Laien wie Priester als Frauen. Die Theologische Fakultät an der Universität von Paris berichtete von Priestern, "die als Frauen gekleidet im Chor tanzten".

Aber um ihre Herrschaft durchzusetzen mußte die gutsbesitzende katholische Kirche die alten Religionen, die noch aus den Zeiten vor dem Aufkommen der Klassengesellschaften stammten, ausrotten, da sie den privaten Landbesitz in Frage stellten. Der alte Respekt vor Transgender-Menschen war immer noch bei der Bauernschaft tief verwurzelt. Der Transvestismus spielte eine wichtige Rolle im ländlichen Kulturleben. Viele der FührerInnen der heidnischen Religionen waren transgendered. Also war es keine Überraschung, daß die katholische Kirche männliche wie weibliche Transvestiten verfolgte, sie als KetzerInnen brandmarkten und versuchte, den Transvestismus zu unterdrücken und ihn aus allen bäuerlichen Ritualen und Festen zu verbannen.

Bis zum 11. Jahrhundert hatte sich die katholische Kirche -damals der reichste unter den Gutsherrn Westeuropas - die organisatorischen und militärischen Mittel angeignet, einen regelrechten Krieg gegen die AnhängerInnen der alten Religionen führen zu können. Die Kampagne wurde unter christlich-religiösem Vorzeichen ausgeführt - doch war sie in der Tat ein Klassenkrieg gegen die Resten der älteren kommunalen Gesellschaften.

mehr

page one    |    page three





www.transgenderwarrior.org