3

Jeanne d'Arc

Fast alle haben von der Jeanne d'Arc - der Johanna von Orleans

- gehört. Doch heutzutage sind sich nur wenig Leute darüber im Klaren, daß Jeanne d'Arc im Jahre 1431, als sie erst 19 Jahre alt war, von der katholischen Inquisition zum Tode durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, unter anderem deswegen, weil sie sich weigerte, aufzuhören, sich als Mann anzuziehen.

Fast 500 Jahre später in 1920 wurde sie von der katholischen Kirche zur Heiligen erklärt, da die Kirche zu einer Zeit weltweiter revolutionären Umwälzungen eine populäre Figur brauchte. Weil Jeanne d'Arc vom gemeinen Volk stammte, war sie noch sehr beliebt, vor allem unter den ArbeiterInnen und BäuerInnen. Doch die Kirche und der französische Staat verschwiegen die Tatsache, daß sie Transvestitin war - ein Ausdruck ihrer Identität, für den sie bereit war zu sterben, eher als ihn verleugnen.

Die Jeanne d'Arc war eine analphabetische Tochter der BäuerInnenklasse. Der Mut, mit dem sie ihr Recht auf Selbstdarstellung verteidigte, war genauso außerordentlich wie die Brillianz ihrer militärischer Führung, die zur Herausbildung des französischen Nationalstaates beitrug. Was war das Besondere am sozialen Nährboden, aus dem sie stammte, das so eine bemerkenswerte Persönlichkeit erklären könnte?

Jeanne d'Arc wurde circa 1412 in Domrémy, in der Region Lorraine geboren. Ab 1348 hatte die Beulenpest den Zusamenhalt der alten Feudalordnung gesprengt. Bis 1350 sollte die Hälfte der Bevölkerung Westeuropas sterben, und ganzen Provinzen wurden entvölkert.

Frankreich steckte damals noch tief im Hundertjährigen Krieg. Die Armeen der englischen Feudalherren fielen seit fast einem Jahrhundert ständig über das Land her. Die BäuerInnen mußten die Plünderungen der Besatzungsarmee sowie die schwere Besteuerung des französischen Adels erdulden.

Das dringendste Problem der Landbevölkerung war die Vertreibung der englischen Armee aus dem Lande, etwas, was dem französischen Adel bisher nicht gelungen war. Doch im breiteren Ausmaß erschütterten BäuerInnenrevolten - darunter der bedeutende Volksaufstand, der die "Revolte der Jacquerie" genannt wurde - die gesamte Stuktur des europäischen Feudalismus.

Die Führung der Jeanne d'Arc bildete sich während dieser Periode mächtiger sozialer Erdbeben heraus. 1429 stellte sich diese selbstbewußte 17-jährige Frau, die Männerkleidung trug, zusammen mit einer Gruppe ihrer AnhängerInnen am königlichen Hof des Thronfolgers Prinzen Charles vor. Ihr Ziel war es, eine BäuerInnenarmee zu schmieden, die die Besatzungsarmee vom französischen Boden vertreiben sollte.

Jeder Aspekt des damaligen Lebens in Frankreich wurde von der Religion durchdrungen. Jeanne behauptete, ihre Aufgabe, ihre Motivation und ihre Art, sich zu kleiden, seien von Gott so vorgegeben worden. Sie mußte eine sehr beeindrückende Frau gewesen sein, denn der Hof stimmte ihrem Vorhaben zu. Jeanne wurde Befehlshaberin eines 10.000-köpfigen Heeres.

Am 28. April, 1429 führte Jeanne ihre Armee gegen die Stadt Orleans. Am nächsten Tag ritt sie in die Stadt ein, gefolgt von ihrer Armee. Am 8. Mai wurde die englische Armee in die Flucht geschlagen. Während der nächsten Monate stellte sie ihr geniales Können als Militärstrategin, sowie ihre Fähigkeit ihr Fußvolk zu begeistern, unter Beweis. Mit Jeanne an ihrer Spitze befreite ihre Armee andere französische Dörfer und Städte und zwang die englische Armee, sich immer weiter zurückzuziehen.

Jeanne überzeugte dann Charles, nach Rheims zu gehen, um zum König gekrönt zu werden. Es war eine lange und gefährliche Reise durch ein Gelände, das von der englischen Armee noch besetzt war. Ihre Truppen wurden unterwegs angegriffen und mußten auch hungern, doch sie kamen erfolgreich an ihr Ziel, und die englische Armee mußte erneut zurückweichen. Als Charles zum König gekrönt wurde, stand Jeanne an seiner Seite, ihr Schlachtbanner in der Hand. Der Nationalstaat Frankreich, der bald völlig aus der Besatzung befreit werden sollte, wurde geboren.

Gefangen

Jeanne wurde in Compiègne von den Burgundern, die mit den englischen Feudalherren verbündet waren, gefangengenommen. Wäre sie ein Ritter oder Adliger gewesen, so wäre es für den König Charles normale anzubieten.

Doch Jeanne war Bäuerin. Der französische Adel verweigerte die Zahlung, was nicht nur ihre Arroganz verreit, sondern auch inwieweit ihr Wunsch, sie loszuwerden, bis dahin gewachsen war. Denn als militärische Führerin einer popülären Bewegung der BäuerInnen, hätte sie zur Bedrohung für die feudale Adelsklasse werden können.

Die Engländer drängten die katholische Kirche dazu, sie wegen ihres Transvestismus zu verurteilen. Heinrich der VI., König von England, schrieb: "Es ist zur Genüge bekannt und berüchtigt, daß seit einiger Zeit eine Frau, die sich Jeanne la Pucelle (die Jungfrau) nennt, die Kleidung des weiblichen Geschlechts beiseitelegend, was dem heiligen Gesetz widerspricht und vor Gott abscheulich ist, sowie von allenGesetzen verboten, Kleidung und Rüstung trug, wie sie von Männern getragen wird".

In November 1430 gaben die Burgunder Jeanne an die gefürchtete Inquisition weiter. Zunächst klagte die Kirche sie wegen 70 Delikte an - von Zauberei bis Pferdestehlen. Die Anklage wurde anschließend auf 12 Punkte reduziert.

Die Richter warfen Jeanne vor, als Heidin erzogen worden zu sein. Die Oberhäupter der Kirche waren schon länger der Ansicht, daß ihre Heimatregion Lorraine eine Brutstätte des Heidentums und der Hexerei sei. Die BäuerInnen der Region hielten immer noch an manchen der alten Glauben fest, selbst zu den Lebzeiten der Jeanne. Der alte Brauch, Kindern den Familiennamen der Mutter, statt den des Vaters zu geben, wurde immer noch gepflegt.

Die Feudalherren waren auch in einem ständigen Krieg gegen KommunardInnen verwickelt, die sich weigerten, als Leibeigene zu leben. Indem die Feudalherren Jeanne, und mit ihr die Region ihrer Herkunft, zum Sündenbock erklärten, nährten sie auch ihre konterrevolutionäre Kampagne.

Am 2. April, 1431 ließ die Inquisition den Vorwurf der Hexerei fallen, da es zu schwierig war, ihn zu beweisen. Die Inquisition wurde eh erst 1451 befugt, nach Hexerei zu fahnden.

Transvestismus als Verbrechen Jeanne wurde wegen ihrer Behauptung verurteilt, ihr Transvestismus sei eine religiöse Aufgabe und die Autorität ihrer Visionen sei höher als die der Kirche. Viele HistorikerInnen und AkademikerInnen haben ihren Transvestismus als nebensächlich betrachtet. Aus dem Protokoll ihres gerichtlichen Verhörs wird jedoch klar, daß die Richter ihren Transvestismus abstoßend fanden und verlangten, daß sie Frauenkleidung tragen sollte. Jeanne weigerte sich, obwohl sie wußte, daß das zu ihrer Verurteilung führen würde.

Die Aussage, die Jeanne zu ihrer Verteidigung machte, zeigte wie tief ihr Transvestismus in ihrer Identität verwurzelt war. Sie schwor: "Um nichts in der Welte werde ich versprechen, mich nicht zu bewaffnen und als Mann zu kleiden".

Jeanne wurde zur Abschreckung in die Folterkammern geführt, wo ihr die Instrumente der Tortur gezeigt wurden. Sie wurde auf einen Friedhof geführt, wo ihre Peiniger ihr ein Schafott zeigte, das auf sie warte, wenn sie sich weiterhin weigere, sich ihnen zu unterwerfen. Nachdem sie diese psychologische Folter und die Bedrohung der Verbrennung bei lebendigem Leib erlitten hatte, widerrief Jeanne am 24. April 1431, indem sie sich selber bezichtigte, Kleidung getragen zu haben, die die natürlichen Schamgefühle verletzten. Sie versprach, sich der Autorität der Kirche zu unterwerfen und Frauenkleidung zu tragen. Sie wurde "gnädigerweise" zu lebenslänglicher Haft in Frauenkleidung bei Wasser und Brot verurteilt.

Innerhalb weniger Tage hatte sie wieder Männerkleidung angezogen. Ihre Richter fragten sie, warum sie es getan habe, da dies den sicheren Tod bedeute. Ihre Antwort wurde im Verhandlungsprotokoll festgehalten: "Sie sagte, aus freien Stücken. Und, daß niemand sie dazu gezwungen hätte. Und, daß sie Männerkleidung der Frauenkleidung vorziehen würde".

Die Inquisition verurteilte sie wegen ihrer Wiederaufnahme der männlichen Kleidungsart zu Tode, mit den Worten: "Immer wieder bist du rückfällig geworden, wie ein Hund, der zum Erbrochenen zurückkehrt". Jeanne d'Arc wurde sofort auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Was war die besondere Bedeutung des Vorwurfs des Transvestismus?

Der eigentliche Grund ist in einem Dekret vom 14. Mai 1431 der theologischen Fakultät der Universität von Paris zu finden, das den Transvestismus der Jeanne verurteilte und dazu aufrief, sie als Ketzerin zu verbrennen. Die Kirchentheologen waren der Meinung, daß ihre Art, sich zu kleiden, "dem Brauch der Ungläubigen und Heiden" entsprechen würde.

Die Kirche war nun die einzige mächtige Institution, die das gesamte feudale Westeuropa zu einem zusammenhängengden politischen System zusammenschweißte. Noch wichtiger war, daß die Kirche bei weitem der mächtigste Feudalherr war, mit einem Drittel des Bodens der katholischen Welt im eigenen Besitz. Die Inquistion und später auch die Hexenprozesse waren Waffen des Terrors und Massenmordes, die von Irland bis Polen einen unglaublich hohen Zoll an menschlichem Leben forderte. Viele Bäuerinnen, darunter auch viele lesbische Frauen, die noch Anhängerinnen der älteren ländlichen Religionen waren, wurden der Hexerei bezichtigt und daraufhin gefoltert und verbrannt. Transgender-Menschen, Schwule, AraberInnen, JüdInnen, WissenschaftlerInnen und Naturheilkundige - all diejenigen, die die herrschende Klasse und die Kirche in Frage stellten oder herausforderten, wurden als Bedrohung betrachtet und vernichtet.

Dies war konterrevolutionärer Terror seitens der landbesitzenden Klasse. Er wurde gegen die widerspenstige und aufrührerische BäuerInnenschaft gerichtet, sowie gegen die noch kleine Bourgeoisie, die zur Herausforderung für die feudale Klassenherrschaft werden sollte.

Folter war die Regel. Die Inquisitoren kamen nicht nur mit der Bibel gewappnet - sie waren ebenfalls mit Feuer und Schwerten ausgerüstet, um die Aufstände der BäuerInnen zu unterdrücken. Der bevorstehende Sturz der feudalen Ordnung erhöhte nur den Ausmaß der reaktionären Unterdrückung.

Transgender besteht weiter

Dennoch wurde Transgender trotz der Jahrhunderte der mörderischen Repression nicht ausgelöscht. Im mittelalterlichen Italien, sowie in Frankreich, gab es sogar Gruppierungen von männlichen Transvestiten, die als "Kloster der Unordnung" bezeichnet wurden. In seinem Gedicht "Der Papistische Königreich" von 1570 schrieb der Autor Naogeorgus, daß beim Fest von Shroveport "die Männer wie die Frauen die Kleidung wechseln taten, die Männer im Frauengewand, und lüsterne Frauen als Männer gekleidet, den Weg entlang gerannt"..... Transgender bestand auch weiter unter den herrschenden Klassen. Als Königin Christina von Schweden zum Beispiel im Jahre 1654 abdankte, zog sie sich fortan als Mann an und nannte sich "Graf Dohna". Heinrich der III. von Frankreich kleidete sich Berichten zufolge als Amazone, und ermunterte seine Höflinge es ihm ähnlich zu tun.

Während des gesamten Mittelalters bis hin zum frühen industriellen Kapitalismus spielte der Transvestismus eine wichtige Rolle bei vielen militanten Auseinandersetzungen als eine Form der sozialen und politischen Rebellion gegen die Klassenherrschaft.

"Im Jahre 1630 griff zum Beispiel die "Mère Folle" (Verrückte Mutter) und "ihre" Truppe die königlichen Steuerbeamten in Dijon an. In Beaujolias im Jahre 1770 zogen sich Bauer als Frauen an und attackierten die Landvermesser ihres Gutsherren. In Wiltshire in 1631 lehnten sich die BäuerInnen, angeführt von Männern, die sich als Frauen kleideten und sich "Lady Skimmington" nannten, gegen die vom König verordnete Einzäunung der öffentlichen Wälder auf. April 1812 führten zwei als Frauen gekleidete Weber - "die Frauen des General Ludd"- eine Menschenmenge bei der Zerstörung von mechanischen Webstühlen und Fabriken in Stockport an. Die walisischen Aufstände der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts gegen Wegezölle und andere Steuerabgaben wurden von "Rebecca" und anderen Transvestiten angeführt. Der Porteous-Aufstand von 1736 in Edinburg wurde von als Frauen verkleideten Männern geleitet, deren Anführer als "Madge Wildfire" bekannt war. In Irland zogen sich die "Whiteboys", die ca. 1760 im Kampf gegen die britischen Gutsherren aktiv waren, lange weiße Kleider an "um die traditionellen Länder der Gemeinschaft wiederherzustellen, und andere Klagen wiedergutzumachen"". (Dressing Up)

Während die alte an Landbesitz orientierte Feudalordnung durch den Kapitalismus verdrängt wurde, so wurde auch die Existenz von Transvestiten und anderen Transgender-Frauen und -Männern zunehmend verleugnet und in den Untergrund gedrängt. Viele wurden gezwungen als das jeweils andere Geschlecht durchzugehen, um zu überleben. Transvestitinnen gingen als Männer durch und wurden Soldaten, Piraten und Wegelagerer. Doch erschien der Transvestismus weiterhin in kultureller Form durch ganz Europa bei Feiertagsfesten, Ritualen, Karnevalsumzügen und Maskenbällen, sowie im Theater und in der Oper.

Diese Transgender-Traditionen bestehen heute noch beimMummer's Festival, Mardi Gras und Halloween. Im heutigen imperialistischen Japan sind Transgender-Rollen nach wie vor zentral bei den traditionellen Noh und Kabuki Theateraufführungen. Transgender-Frauen und -Männer existieren weiterhin, ugeachtet dessen, wie schwierig ihr Überlebenskampf geworden ist.

Transgender um die Welt

Wir haben uns hier auf die europäische Geschichte konzentriert, und dies auch bewußt. Die Schuld für die Gesetze und Haltungen, die Transgender verurteilen und verteufeln, liegt eideutig bei den herrschenden Klassen jenes Kontinents. Die Beschlagnahme der Güter und des Besitzes der "Angeklagten" während der Hexenjagde und der Zeit der Inquisition trug zur Anhäufung des Kapitals seitens der Herrschenden bei und half ihnen, ihre Herrschaft über Asien, Afrika und Nord- und Südamerika auszuweiten. Die europäische Elite versuchte dann ihre Ideologie den von ihnen kolonisierten Völkern der Welt aufzuzwingen.

Aber trotz der rassistischen Versuche der Kolonialisten, kulturellen Völkermord zu verüben, kann der Transvestismus und anderen Ausdrücken des Transgenders immer noch in den Riten und Glauben unterdrückter Völker beobachtet werden. Es ist offensichtlich, daß Transgender-Menschen angesehene gesellschaftliche Rollen in einer großen Anzahl diverser und geographisch weit auseinanderliegender Kulturen innehatten. Seit dem 16. Jahrhundert "gibt es Berichte über Transvestiten- Schamanen....unter den AraukanierInnen, einem großen Stamm im Süden Chiles und Teilen von Argentinien. Männliche Transvestiten-Schamane sind auch unter den Guajira, einem viehtreibenden Volk im Nordwesten Venezuelas und im Norden Kolumbiens, sowie bei den JägersammlerInnen der Tehuelche aus Argentinien gesichtet worden". (Construction)

"Transvestismus wurde früher auch von Schamanen in den ländlichen Regionen Vietnams und Burmas praktiziert, sowie in Indien unter den JägerInnen des Pardhi-Volkes und bei den Lhoosais im Südosten des Landes, sowie in Korea". (Construction)

Berichtet wird immer noch über Transgender bei religiösen Zeremonien in Teilen von Westafrika: "Eine der wichtigsten Gottheiten bei den Abomey ist Lisa-Maron, eine Figur, die sowohl das Männliche wie das Weibliche in sich vereint; ebenfalls kann die große Gottheit Shango als Mann oder Frau dargestellt werden; auch beten zeitgenössische Schamane in Brasil die Gottheit Yansan an, die die "Mann-Frau" genannt wird". (Dressing Up)

"Der Mugawe, ein mächtiger religiöser Führer der Meru aus Kenya, wird als Gegenpart der männlichen politischen Führer betrachtet und muß von daher weibliche Qualitäten darstellen: Er trägt Frauenkleidung und hat eine Frisur wie eine Frau; er ist oft homosexuell und hat manchmal auch einen Ehemann. Unter dem angolanischen Bantu-Stamm der Kwayama, die sichhauptsächlich von der Landwirtschaft und der Viehzucht ernähren, tragen viele Weissager und männliche Heilkundige Frauenkleidung, verrichten Frauenarbeit und werden zur Nebenfrau von Männern, deren andere Ehefrauen weiblich sind.

Bei den südafrikanischen Zulus sind die WeissagerInnen normalerweise Frauen, obwohl ungefähr 10% männliche Transvestiten sind ". (Construction)

Ebenfalls wurde berichtet über Mann-zu-Frau-Transgender ohne scheinbare besondere religiöse Bedeutung beim Hirtenvolk der Nandi in Kenya, bei den Dinka und Nuer im Sudan, bei den äthiopischen Konso und Amhara, bei den Ottoro in Nubien, den Fanti in Ghana, den Ovimbundu in Angola, bei den Thonga- BäuerInnen in Simbabwe, bei den Tanala und Bara auf Madagaskar, bei den Wolof in Senegal sowie bei den Lango, Iteso, Gisu und Sebei in Uganda. (Construction) Transvestismus ist ebenfalls bei brasilianischen und haitianischen Zeremonien zu beobachten, die sich auf westafrikanischen Religionen berufen. (Construction)

Die Chukchee, Kamchadal, Koryak und Inuit - Eingeborenenvölker der nordamerikanischen Polarkreisregion- hatten alle männliche Schamanen, die sich als Frauen kleideten.

"In Indien kleideten sich die Krishna-Anhänger des Vallabha- Sektes als Frauen......Berichte von 1870 und 1930 erzählen von den Bissu-Priester der Celeben, die als Frauen leben und sich kleiden." (Dressing Up)

In seinem wichtigen Buch The Golden Bough (Der Goldene Ast) bemerkte James Frazier, daß auf den Pelew-Inseln "eine Göttin eher einen Mann als eine Frau als Priester und inspiriertes Sprachrohr auswählt....Er kleidet sich dann als Frau, trägt ein Stück Gold am Hals und arbeitet wie eine Frau auf dem Tano-Feld". Frazier berichtet, dieser Brauch sei unter den Eingeborenenvölkern weit verbreitet.

"Durchgehen" um zu überleben

Als die Industrielle Revolution in Europa anfing, Pflugscharen zu Waffen und Maschinerie zu schmieden, waren die Vorurteile gegen Transgenderfrauen und -männer zum festen Bestandteil der Mechanismen der Ausbeutung geworden.

Doch schufen auch der Handel und der frühe industrielle Kapitalismus ebenfalls Möglichkeiten anonym zu bleiben, die unter dem Feudalismus, in dem die großen Leibeigenenfamilien und ihre NachbarInnen zusammen auf dem Land lebten und arbeiteten, selten vorkamen.

Der Kapitalismus befreite die leibeigenen BäuerInnen aus ihrer Bindung zum Land - und kettete sie als LohnsklavInnen an Maschinen, oder schickte sie in Armeen und Flotten hinaus, um neues Land, neue Arbeitskräfte und Rohstoffe zu erobern. Nicht nur Transgenderfrauen sondern auch Männer hatten jetztdie Möglichkeit, als anderes Geschlecht durchzugehen. Die Unterdrückung der Frauen unter dem Kapitalismus zwangen tausende von Frauen, die nicht transgendered waren, als Männer durchzugehen, um den wirtschaflichen und sozialen Ungerechtigkeiten ihrer Unterdrücken zu entgehen. Die Strafen für's Durchgehen waren streng. In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts bestand in England die Bestrafung darin, in den Stock gelegt zu werden und durch die Straßen auf einem offenen Wagen gezogen zu werden. In Frankreich war bis zum Jahre 1760 die Strafe für Transvestismus immer noch Tod durch Verbrennung.

Trotz der Bestrafungen gingen in ganz Europa Frauen als Männer durch - vor allem in den Niederlanden, in England und in Deutschland. Das Durchgehen war während der 17. und 18. Jahrhunderte so weit verbreitet, daß es zum Thema vieler Romane - oft als Biographien oder Erinnerungen verkauft - sowie anderer Kunstformen, Theaterstücke, Opern und populärer Lieder wurde.

Eine der berühmtesten durchgehenden Frauen des 17. Jahrhunderts war Mary Frith - auch als "Moll Cutpurse" (von "cut"= schneiden, und "purse" = Geldbeutel) genannt. Diese mutige Figur trank und kämpfte mit den Männern der Londoner Unterwelt des 17. Jahrhunderts. Sie merkten nie, daß sie eine Frau war. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt durch Wahrsagerei, Hehlerei und dadurch, daß sie PassantInnen um ihre Geldbeutel erleichterte. Nachdem sie als Frau enttarnt wurde, veröffentlichte Moll ihr Tagebuch und wurde noch vor ihrem Tod im Alter von 74 Jahren zur Figur in zwei Theaterstücken.

Angélique Brulon ging unter dem Namen Liberté durch und wurde zum hochdekorierten Offizier in der Infanterie Napoleons. Sie diente bei sieben Feldzügen zwischen 1792 und 1799, die weite Teile Europas vom Feudalismus befreiten.

Charley Wilson wurde 1834 in England als Catherine Coombes geboren, und lebte über 40 Jahre lang als Mann. Im Alter von 63 mußte Wilson ins Armenhaus, wo ihr Geschlecht entdeckt wurde. Die Leitung des Armenhauses zwang sie dazu, ein blaugedrücktes Kleid mit rotem Kopftuch zu tragen. "Wenn ich das Geld hätte", so Wilson an einer BesucherIn, "würde ich hier raus und mich wieder als Mann kleiden, und keiner würde mich wieder finden".

Viele Frauen wurden zu Piraten und Wegelagerern. Transgender als Sellbstdarstellungsform bestand auch weiter unter Männer. Der deutsche Historiker Johann Wilhelm von Archholz beschrieb eine londoner Kneipe namens "The Bunch of Grapes" (Die Weintraube) in den 70er Jahren des 18.

Jahrhunderts: "Beim Betreten des Raumes entdeckte (ich) zwei als Frauen gekleidete Kerle, jeder mit Muff, weitem Umhang und sehr modischem turbanähnlichem Hut ..... es stellte sich auch heraus, daß jedes Mitglied des Clubs einen Frauennamen hatte". Bei einem pariser Tuntenball im Jahre 1864 "waren mindestens150 Männer anwesend, manche von ihnen so gut verkleidet, daß der Chef des Hauses nicht in der Lage war, ihr Geschlecht zu entscheiden". (Dressing Up)

Transgender stand auch im Mittelpunkt eines der berühmtesten Skandale im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts. Als sogenannte "Vere Street Coterie" (coterie = Clique) wurde die Kundschaft einer Kneipe bezeichnet, "in der viele der Kunden sich wie Frauen kleideten, und auch weibliche Namen annahmen...". Dem zeitgenössischen Berichterstatter Hollingway zufolge hat die Polizei eine Razzia gegen eine ihrer Zusammenkünfte durchgeführt, wurde aber von mindestens einer der anwesenden Damen so hinters Licht geführt, daß "sie" von Richter und Polizei als Frau aus der Haft entlassen wurde. (Dressing Up)

Über viele solche Transgenderclubs wurde aus dem viktorianischen London des 19. Jahrhunderts berichtet. Einer der berühmtesten Fälle war die Verhaftung von Stella (Ernest) Boulton und Fanny (Frederick) Park am 28. April 1890 vor dem Strand Theater, London. Sie wurden wegen "Verabredung eine Straftat zu begehen" angeklagt. Boultons Mutter sagte zur Verteidigung ihres Sohnes als Zeugin aus. Sie erklärte, er kleide sich als Mädchen (bzw Frau) seit seinem 6. Lebensjahr. Stelly und Fanny wurden beide freigesprochen.

Während es biologisch einfacher ist für eine Frau als junger Mann durchzugehen als für einen Mann, der als Frau durchgehen will, haben dennoch viele Transgendermänner erfolgreich als Frauen gelebt, ohne entdeckt zu werden.

Frau Nash, zum Beispiel, heiratete einen Soldaten in Forte Meade im US Bundesstaat Dakota. Nachdem ihr Mann woandershin versetzt wurde, heiratete sie erneut einen Soldaten. Erst nach ihrem Tod wurde entdeckt, daß sie ein Mann war. (Vested Interests)

Der Kapitalismus bedient sich alter Vorurteile Als die neue Bourgeoisie in der anfänglichen Konkurrenzphase des Kapitalismus noch gegen den Feudalismus und seine alte ideologische Last ankämpfte, rühmte sie sich auch ihrer aufgeklärten und wissenschaftlichen Ansichten über die Welt und die Gesellschaft.

Doch einmal an der Macht bedienten sich die Kapitalisten vieler der alten Vorurteile, vor allem derjenigen, die in ihre Teile-und-herrsche-Politik hineinpaßten.

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit," wurde bald zur leeren Worthülse als die höllischen Arbeitsbedingungen der Kleinbetriebe sich im neuen Fabriksystem fortsetzten. Kolonisierte Völker wurden als Untertanen betrachtet, die bei der Produktion neuen Reichtums verbraucht werden konnten. So wie die neue herrschende Klasse sich etablierte, verlangte sie auch Konformität mit dem System der Lohnsklaverei undentledigte sich ihres Radikalismus. Doch trotz der langen Zeit, in der der Transvestismus als "illegal" und "widernatürlich" verschrieen wurde und noch mit einer "inoffiziellen" Todestrafe versehen wurde, blieb er dennoch Teil der menschlichen Ausdrucksmöglickeiten.

TransvestitInnen und andere Transgendermenschen waren unter den AnführerInnen der ersten Welle der lesbischschwulen Befreiung, die in den 80er Jahre des 19. Jahrhunderts in Deutschland ihre Anfänge hatte. Jene Bewegung genoß auch die Unterstützung vieler Mitglieder der sozialistischen Massenparteien.

Magnus Hirschfeld, ein jüdischer schwuler Mann, der diese erste Welle der lesbischschwulen Befreiung auch mit anführte, war den Berichten zufolge auch Transvestit bzw Tunte. Er schrieb auch ein epochemachendes Werk zum Thema. Die wertvolle Dokumentation dieser Bewegung hinsichtlich der Rolle des Transgenders in der Geschichte, sowie ihre Forschung über Lesben und Schwule, wurde bei den Bücherverbrennungen der Nazis größtenteils vernichtet.

Lebensläufe, die unsichtbar gemacht wurden

Während, wie wir gesehen haben, es Transgender als Selbstdarstellungsform schon immer in der westlichen Halbkugel gegeben hat, wurde die Notwendigkeit "durchzugehen" erst mit der Ankunft des Kapitalismus an diese Ufer gespült. Viele Frauen und Männer sind zum Durchgehen gezwungen worden. Einige ihrer Geschichten sind uns erhalten Geblieben.

Deborah Sampson ging als männlicher Soldat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg durch. Als sie verwundet wurde, zog sie einmal eine Kugel alleine aus ihrem eigenen Oberschenkel, um nicht entdeckt zu werden. Später veröffentlichte sie ihre Erinnerungen mit dem Titel The Female Review (Die Weibliche Rückschau) und ging auf Vorlesungstournee in 1802. Jack Bee Garland (Elvira Mugarrieta), die als Tochter des ersten mexikanischen Konsuls in San Francisco geboren wurde, wurde 1897 in Stockton, Kalifornien von der Polizei festgehalten. Ihr wurde zur Last gelegt, sie habe sich als Mann ausgeben wollen. Ein Monat später wurde der gesellige und freimütige Garland zum Ehrenmitglied des Stocktoner Junggesellenklubs gemacht.

Lucy Ann Lobdell, geboren in 1892 in New York, war berühmt als Jägerin und Trapperin. Sie erklärte folgendermaßen ihre schmerzhafte Entscheidung, ihre junge Tochter bei ihren Eltern zu lassen und als Pastor Joseph Lobdell in die "Männerwelt" hinauszugehen: "Ich entschloß mich, Männerkleidung anzuziehen und Arbeit zu suchen, da ich an Männerarbeit gewohnt war. Und da ich im Haushalt vielleicht hätte schwerer arbeiten müssen, um nur einen Dollar pro Woche zu bekommen, und doch fähig war, Männerarbeit zu machen und dafür auch den Lohn eines Mannes zu bekommen, so habe ich das Gefühl, die ganze sklavische Plackerei, mit der die Frauen unterdrückt werden, nicht mitansehen zu können; noch kann ich die Stimme der Mode lauschen oder mich auf die Brust des Todes ausruhen. Ich bin Mutter.

Ich liebe mein Kind mehr, als ich es in Worten ausdrücken kann. Ich kann es nicht ertragen, sterben zu müssen und die Kleine zu hinterlassen und zu wissen, daß sie wie ich auch so ums Überleben wird kämpfen müssen". Lobdell starb in einer Irrenanstalt.

Harry Gorman lebte mehr als 20 Jahre lang als Mann, bis er 1903 in ein Krankenhaus in Buffalo gebracht wurde. Der 40- jährige zigarrenrauchende Koch bei der Eisenbahn schwor, daß nichts ihn dazu bringen würde, Frauenkleidung zu tragen. Gorman sprach auch von mindestens 10 anderen Frauen bei der gleichen Eisenbahngesellschaft, "die sich als Männer kleideten, ganz männlich aussahen, und nie unter dem Verdacht standen, etwas anderes als Männer zu sein. Manche von ihnen waren Gepäckträger, Rangierer oder auch Handelsvertreter für die Eisenbahngesellschaft. Sie trafen sich oft und machten sich nicht wenig lustig über ihren erfolgreichen Übergang von der einen Klasse der Menschheit zur anderen". (Gay American History)

Cora Anderson lebte über 13 Jahre lang als Ralph Kerwinieo, bis sie 1914 in Milwaukee wegen "ungebührlichen Benehmens" vor Gericht erscheinen mußte, nachdem ihr Geschlecht entdeckt wurde. Als ihr vom Gericht auferlegt wurde, Frauenkleidung zu tragen, erklärte Anderson, die südamerikanische Indianerin war: "In zukünftigen Jahrhunderten wird eine Frau wahrscheinlich Besitzerin ihres eigenen Körpers und Hüterin ihrer eigenen Seele sein. Aber bis dahin können Sie davon ausgehen, daß die Gesetze, die Frauen betreffen, allesamt falsch sein werden. Die gutbehütete Frau ist ein Parasit, und die Frau, die arbeiten muß, ist Sklavin. Der Mindestlohn für Frauen wird Abhilfe schaffen, aber er wird nicht - ja kann nicht - eine komplette Lösung sein. Manche Leute mögen denken, daß ich den Männern gegenüber sehr verbittert bin. Ich bin nur über die Bedingungen verbittert - die Bedingungen, die in dieser von Männern gemachten Welt vorherrschen". (Gay American History)

Über den Kampf des James McHarris (Annie Lee Grant) um das Recht, als Mann zu leben, wurde in einem Artikel in einer Ausgabe der Zeitschrift Ebony vom Jahr 1954 berichtet. McHarris, der in Mississippi wegen einer ganz anderen Sache verhaftet wurde, mußte sich vor dem Bürgermeister und der Polizei ausziehen, und wurde in ein Männergefängnis eingesperrt.

Der Transvestismus blüht und gedeiht weiterhin in Dramen und Komödien in den Vereinigten Staaten und Europa. Im 19. Jahrhundert waren Transgender-Darstellungen integrale Bestandteile vom burlesque und vaudeville (verschiedenen Varietétraditionen) in den Vereinigten Staaten.

Die Blues-Tradition der 20er und 30er Jahre schloß ebenfalls Liedtexte über Transgender-Selbstdarstellung in den städtischen afroamerikanischen Communities mit ein, wie zum Beispiel bei den "Prove It On Blues" von Ma Rainey oder den "B-D Women" (B-D = bull-dagger bzw. bull-dyke = Lesbe) vonBessie Jackson. Transgender-Rollen gibt es immer noch - meistens als "Humor" - im Fernsehen, Film, Theater, in der Literatur, bei Tanz- und Musikperformances. Doch die soziale Strafen für Transgender- Menschen, die versuchen, in Würde und mit Respekt zu leben und zu arbeiten, sind immer noch grausam und oft gewalttätig.

Der Kampf der Christine Jorgensen gegen die Vorurteile

Die Entwicklung der Anästhesie und die kommerzielle Synthese von Hormonen sind relativ neue Entdeckungen dieses Jahrhunderts. Diese Fortschritte machten es einzelnen Menschen möglich, ihr Geschlecht so zu verändern, daß es ihrer Geschlechterrolle entsprach. Seitdem haben zehntausende von Transsexuellen allein in den Vereingten Staaten die gleiche Lebensentscheidung gemacht, wie damals Christine Jorgensen.

Während Jorgensen nicht die erste Person war, die eine Geschlechtsumwandlung machte, war sie bei weitem die bekannteste. Sie starb am 3. Mai 1989 im Alter von 62 Jahren, nach einem langen Kampf mit dem Krebs. Die Autoren der Nachrufe der bürgerlichen Presse erinnerten sich an sie als George Jorgensen, den ex-G.I. aus der Bronx, der in den frühen 50er Jahren nach Dänemark fuhr, um Christine zu werden - und damit die erste von den Medien berichtete Geschlechtsumwandlung vollzog.

Die Nachrufe geben zu, daß es damals international viel Aufsehen um ihre Lebensentscheidung gegeben hat, aber fügen hinzu, daß sie "dadurch sofort Star-Status erlangte. Sie machte die Runde der Nachtclubs, hielt Vorlesungen, traf KönigInnen und Stars und wurde schließlich selber reich" (New York Daily News, 4. Mai 1989)

Hört sich an wie ein Märchen, nicht wahr? Dies ist aber eher die totale Heuchelei seitens der Medien (und der Herrschenden, die ihnen ihre Stories diktieren), die damals dieselben waren, die Jorgensen überall zur Spottfigur machten. Kein einziges Mal während ihres Lebens hatte irgendjemand, der Macht in dieser Gesellschaft besitzt, gesagt, daß Christine Jorgensen ein Mensch war, der Respekt verdient.

Die Nachricht über Jorgensens Geschlechtsumwandlung wurde spät im Jahre 1952 an die Presse weitergeleitet - zu einer Zeit also, die als eine der reaktionäresten Epochen der US- amerikanischen Geschichte bekannt werden sollte. Die Hexenjagde des berüchtigten Senator McCarthy waren an ihrem Höhepunkt, was zu Haftstrafen für hunderte von Menschen nur wegen ihrer politischen Meinungen führte. Das Ehepaar Rosenberg saßen in der Todeszelle und warteten auf ihre Hinrichtung im Gefängnis Sing-Sing. Die Flugzeuge des Pentagons warfen Bomben über Korea ab und die Wasserstoffbombe wurde im Südpazifik getestet.

Die "Jim Crow" Rassentrennungsgesetze bestimmten immer noch das Leben in den Südstaaten. Lesben und Schwule kämpften ohne eine politische Bewegung um ihr Überleben. Der Transvestismuswurde nur in verzerrter Darstellung als "Komödie" geduldet.

Als die Nachricht über Christine Jorgensen eintraf, war die Hölle los. Von entsetzten NachrichtensprecherInnen bis hin zu fiesen Talkshow-ModeratorInnen, alle griffen sie so gnadenlos an, daß es schien, als ob sie aus der Menschheit ausgeschlossen worden war.

Das, was eine wichtige persönliche Entscheidung war, wurde von den feindseligen Medien aufgegriffen und durch die Gosse gezogen. Ihr Privatleben war nicht mehr ihr eigenes. Sie wurde gnadenlos verfolgt. In einem Interview kurz vor ihrem Tode erzählte Jorgensen: "Ich bin nicht mehr so erkennbar. Jetzt kann ich tatsächlich in einen Supermarkt hineingehen und die Menschen wissen nicht, wer ich bin, was wunderbar ist und mir total gut paßt".

"Es tut auch alles nicht mehr so weh wie damals" fügte sie noch hinzu.

Irgendwie hat sie es geschafft, diesen hohen emotionalen Preis zu zahlen und mit Fassung und Würde zu überleben. Das hat großen Mut erfordert.

Die Angriffe gegen Jorgensen waren Teil einer Kampagne, die die Bevölerung zum Konformismus zwingen sollte. Doch dafür war es geschichtlich betrachtet schon zu spät.

Jorgensen erzählte in einem Interview in 1986: "Ich konnte nie verstehen, warum ich so viel Aufmerksamkeit erregte. Jetzt im Nachhinein wird mir klar, daß es damals der Anfang der sexuellen Revolution war, und daß ich zufällig einer der Auslösemechanismen war".

Von Jeanne d'Arc bis Stonewall

In den letzten Jahrzehnten sind viele der beruflichen Trennungen zwischen Männern und Frauen durch die Entwicklung der Technik hinfällig geworden. Größere Anzahlen von Frauen sind ins Berufs- und Arbeitsleben eingestiegen und wurden Teil der ArbeiterInnenklasse im aktivsten und unmittelbarsten Sinn. Dies hat zu der Herausbildung eines ganz neuen Bewusstseins geführt.

Die Antibabypille, die 1952 auf den Markt kam, hat die soziale Beziehungen vieler Frauen revolutioniert, und ermöglichte Frauen, sich an alle Phasen des Lebens mit der gleichen Sorglosigkeit ungewollten Schwangerschaften gegenüber wie Männer zu beteiligen.

Rigide abgegrenzte Geschlechterrollen hätten auch abgeschafft werden müssen. Doch die treibende Kraft des Kapitalismus bedient sich immer noch der Vorurteile und der Ungleichheit als Spaltungsinstrument. Es bedurfte riesiger Kämpfe - und noch größere zeichnen sich am Horizont ab - um diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren.

Die Bürgerrechts- und nationale Befreiungsbewegungen der 50erund 60er Jahre, sowie der massive Widerstand gegen den Vietnamkrieg erschütterten die ganze Welt und trugen auch zur Herausbildung der Frauenbefreiungsbewegung bei.

In 1969 kämpften militante junge Tunten in New Yorker Greenwich Village gegen Bullen, die versucht hatten, eine Razzia im Stonewall Inn durchzuführen. Die Straßenkämpfe haben vier Nächte lang angedauert. Der Stonewall-Aufstand war der Ursprung der modernen Lesben- und Schwulenbewegung, die sich nie wieder zum Schweigen bringen lassen wird.

Von den BäuerInnenaufstände gegen den Feudalismus des Mittelalters zum Stonewall-Aufstand im 20. Jahrhundert sind Transgender-Menschen an vielen militanten Kämpfen beteiligt gewesen, sowohl zur Verteidigung ihres Rechts auf freie persönliche Selbstdarstellung als auch als Form der politischen Rebellion.

Doch von der Gewalt auf den Straßen zur Brutalität der Polizei, von der Diskriminierung bei der Arbeit bis hin zur Verweigerung von medizinischer Betreuung und Wohnraum - die Transgender-Bevölkerung muß immer noch um ihr Überleben kämpfen.

Transgender-Menschen werden immer noch im Fernsehen und in Filmen verspottet. Filme wie "Psycho", "Dressed to Kill" und "Das Schweigen der Lämmer" stellen Transgender-Menschen als gefährliche PsychopathInnen dar.

Im "Schweigen der Lämmer" bringt eine Art möchtegern Transvestit Frauen um, um sie zu enthäuten und sich daruas einen Frauenkörper zu nähen. Der Film stellt aber die Realität auf den Kopf: In der Tat sind es eher die Transvestiten und Transsexuelle, die Opfer grausamer Morde geworden sind.

Dieser Punkt wurde nochmals von den AktivistInnen betont, die die Preisverleihung der National Film Society im Frühjahr 1992 gestört haben. Die haben Flugblätter verteilt über den echten Mord der transsexuellen Venus Xtravaganza, die im Dokumentarfilm "Paris is Burning" erscheint. Xtravaganza wurde vor dem Ende der Dreharbeiten über die Fummelbälle Harlems ermordet.

Das "Schweigen der Lämmer" erhielt mehrere Preise bei der Oskarverleihung. "Paris is Burning" wurde nicht einmal nominiert.

Der Kampf um eine bessere Welt

Die institutionalisierten Vorurteile und die Unterdrückung, mit denen wir heute konfrontiert sind, haben nicht immer existiert. Sie haben ihren Ursprung in der Spaltung der Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete. Teile-und- herrsche-Taktiken haben es Sklavenhaltern, feudalen Gutsherren und korporatistischen Herrscherklassen ermöglicht, den Löwenanteil des von den arbeitenden Klassen geschaffenen Reichtums für sich zu behalten.

Ähnlich dem Rassismus und allen anderen Vorurteilsformen sind Vorurteile gegenüber Transgender-Menschen wie eine tödliche Krankheit. Wir werden gegeneinander ausgespielt, damit wir uns nicht gegenseitig als Verbündete betrachten.

Echte Solidarität kann zwischen Menschen geschaffen werden, die ihre Unterschiedlichkeiten gegenseitig respektieren und bereit sind, ihren Feind gemeinsam zu bekämpfen. Wir sind die Klasse, die die Arbeit der Welt macht, wir können diese Welt auch revolutionieren. Wir können echte Befreiung gewinnen. Der Kampf gegen unerträgliche Bedingungen ist global im Kommen. Und die militante Rolle von Transgender-Frauen, -Männern und -Jugendlichen in der heutigen Widerstandsbewegung trägt jetzt dazu bei, die Zukunft zu gestalten.

--------------------------------------


Quellen:

* Dressing Up - Transvestism and Drag: The History of an Obsession von Peter Ackroyd. Thames and Hudson, London 1979
* The God of Ecstasy - Sex Roles and the Madness of Dionysos von Arthur Evans. St. Martin's Press, New York 1988
* Witchcraft and the Gay Counterculture von Arthur Evans. Fag Rag Books, 1978.
* Vested Interests - Cross-Dressing and Cultural Anxiety von Marjorie Garber. Routledge, New York and London, 1992.
* Living the Spirit von Gay American Indians. St. Martin's Press, New York 1988.
* The Construction of Homosexuality von David F. Greenberg. The University of Chicago Press, Chicago and London, 1988.
* Gay American History von Jonathan Katz. harper & Row, New York, 1976.
* The Trial of Joan of Arc von W.S. Scott, ed., Associated Booksellers 1956.

Zur Autorin:

Leslie Feinberg hatte ihr Coming-Out als junge Butch-Lesbe vor mehr als 25 Jahren während sie in den Fabriken der Stadt Buffalo, N.Y. arbeitete. Sie hat über ihre Erfahrungen als Frau, die als Mann "durchging", ausführlich geschrieben. Feinberg ist seit 20 Jahren Mitglied der Workers World Party. Sie arbeitet in der Redaktion der Zeitung Workers World sowie in der Redaktionsgruppe der Zeitschrift Liberation and Marxism.

Zwei ihrer Kurzgeschichten über Transgender-Unterdrückung sind in der Sammlung The Persistent Desire: A Femme-Butch Reader enthalten. Ihr Roman zum gleichen Thema Stone Butch Blues erschien 1992 im Verlag Firebrand Books.

page one    |    page two





www.transgenderwarrior.org